Marita Kusch

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Stefanie Schwarzbach


Über Marita Kuschs interaktive Bilder

Marita Kusch entwickelt ihre meist abstrakten Bilder auf großem Format. Auf den ersten Blick wirken sie überschaubar einfach. Zwei Komponenten treten in einen spannenden Dialog. Ein kräftiger monochromer Farbauftrag überzieht den gesamten Malgrund und verwandelt ihn in ein Farbfeld. Diese Farbfläche wird durch zeichnerische Elemente belebt und gegliedert.
Was trügerisch einfach, ja fast schon dekorativ wirkt, folgt in Wahrheit einem wohldurchdachten Konzept. Es kommt auf den Betrachtungsstandpunkt an.


Marita Kusch bevorzugt ein fast quadratisches Leinwandformat von 1,90 m x 2,00 m. Damit erreicht sie eine Gestaltungsfläche, die den Dimensionen eines großen Schaufensters in nichts nachsteht. Anziehungskraft geht von so einer großen Fläche aus. Erst recht, wenn man den gesamten Malgrund einheitlich mit einer bestimmten Farbe ausgestaltet. Marita Kusch nutzt die Erkenntnisse der amerikanischen Farbfeldmaler als Ausgangspunkt für ihre Malerei. Sie verzichtet auf Gegenständliches, sie arbeitet in der Fläche und sie nutzt das Großformat, um die psychophysische Energie der Farbe, ihre emotionale Wirkung auf den Betrachter zu steigern.

Der monochrome Farbüberzug, der den Bildträger zu einem gewaltigen Farbfeld mutieren lässt, schafft eine Grundstimmung, die unmittelbar auf den Betrachter wirkt. Marita Kusch legt großen Wert auf die Qualität der Farbe. Sie testet in zahlreichen kleineren Bildformaten selbstgemischte Farben in Hinblick auf Leuchtkraft und Intensität. Den so gefundenen Farbton verschmilzt sie, im Sinne Ellsworth Kelly's mit dem Malgrund, so dass der Bildträger die Gestalt der Farbe und ihre Ausdehnung bestimmt.

Entscheidend neben der Farbdimensionierung, ist der Verzicht auf räumliche Darstellung. Marita Kusch nutzt die Kraft der Fläche. Eine Fläche ist keine in unseren Sehgewohnheiten vorkommende Größe. Sie wirkt immer entrückend, unfassbar, jenseitig, heilig, fern. Der Goldgrund in der russischen Ikonenmalerei, das schwarze Quadrat Malewitschs, die plane Welt eines Piet Mondrian, die Farbfelder von Still, Rothko, Newman, Kelly, sie alle nutzen das desorientierende Element der Fläche. Die Fläche fungiert als Bindeglied (Tür) in eine andere transzendentale Wirklichkeit. An die Stelle der Reflexion vor dem Bild tritt die direkte Teilnahme im Bildinnenraum.

Großformat, Farbe und Fläche sind für Marita Kusch nur Vehikel, nicht alleinige Herausforderung. Sie nutzt das Farbfeld, um zusätzlichen Raum zu schaffen, nämlich den subjektiv-assoziativen des Betrachters. Diesen Raum möchte sie näher besfimmen, weshalb sie ihn durch zeichnerische Elemente bereichert. Dabei begibt sie sich auf eine Gratwanderung. Flächenhaftes und Lineares treten in einen Dialog, das Ruhende trifft auf das Lebendige der Linie. Barnett Newmans "zip" , der schmale Vertikalstreifen, der neben der großen Fläche nur geduldet schien, gewinnt in Marita Kuschs Bildern an Einfluß. Sie verteilt Einzellinien, gekurvt oder gerade, Liniengeflechte, Farbspuren, paarweise gekreuzte Bänder oder Schablonenmuster auf der Fläche. Auf dem großen Ruhenden entsteht Bewegung. Keine gestisch-expressive, spontane oder dynamische Bewegung, sondern wohlüberlegt gesetzte Akzente. Diese linearen Farbkontraste, manchmal auch in Form von kleinen Farbtupfern, schaffen Rhythmus. Immer im Auge behaltend, dass das Farbfeld nichts von seiner suggestiven Kraft verliert, tauchen Fragen nach Ordnung und Chaos, nach Fülle und Leere, nach Verteilung der Mengen im Bild auf. Mal ist es der verspielte Tanz einer sich windenden Einzellinie auf großer Fläche, mal sind es an Cy Twombly erinnernde, endlos gekringelte Schlangenlinien, die sich im Sinne von Jackson Pollocks “all-over” gleichmäßig über die zurückgedrängte Farbfläche verteilen. Mal erinnern ihre Linien an die Nervosität von Graffiti, mal ordnet sie die Linien zu diagonal verspannten Kreuzbändern. Marita Kusch variiert die Ausdruckskraft der Linie, ihre Gestaltungsvielfalt.

Sie verwendet Streukompositionen, Diagonalkompositionen oder vom Zufall geprägte Kompositionen, indem sie vorgefundene Muster aus der Realität (Straßenzeichnung, 2000) ins Bild überträgt. Meist kontrastiert Marita Kusch Linie und Farbfläche durch die Farbgebung scharf. Manchmal lässt sie aber auch einen Teil der Linien im Ton der Farbfläche erscheinen, so dass sie als Schatten ihrer selbst wirken. Linien und Farbfläche durchdringen sich, ohne räumlich zu werden.

Spielerisch komponiert Marita Kusch ihr Grundbedürfnis nach Farbigkeit und ihre narrative, zeichnerische Ader. Auch hier probiert sie in zahlreichen Studien den Zusammenklang von Farbe und Linie. Zu welcher Farbtemperatur passt welche Ausdrucksform der Linie und wie ist das Verhältnis der Fläche zu den zeichnerischen Elementen, sind zwei zentrale Fragen ihres Schaffens. Immer sucht sie nach einem homogenen Ganzen. Fast drängt sich der Vergleich zur Musik auf. Das Farbfeld gibt wie eine Tonart eine Grundstimmung vor, auf der sich die einzelnen Zeichenelemente wie Melodien entwickeln können. Der Betrachter soll, wie der Zuhörer auch, emotional angesprochen werden. Um sich visuell optimal in den Genuss der Bilder bringen zu können, fordert Marita Kusch ihn auf, so nahe vor das Bild zu treten, dass er das Bildganze nicht überblicken kann. Was in der Entfernung vielleicht wie dekorative Malerei aussah, verwandelt sich jetzt in eine visuelle Sinfonie aus Farbe und Linie. Losgelöst von jeglichem Bezug zur Realität, findet sich der Betrachter in einer neuen Bildwelt wieder, die durch den interaktiven Austausch zwischen Gesehenem und Gefühltem bzw. Assoziiertem entsteht. Hinter dem Schein des schönen Arrangements und der schönen Farbe tut sich Verborgenes auf.

Mit ihren Bildern gelingt es Marita Kusch, das trennend - klare Element der Linie mit dem schwammig - unklaren Wesen der Fläche zu verbinden. Sie geht den schmalen Grat zwischen Verlust oder Erhalt der Sogwirkung des Farbfeldes erfolgreich. Es ist ein durch die Emotionalität der Linie bereichertes Farbfeld. Stimmungen, die im Betrachter durch die Farbe ausgelöst werden, erhalten so feine Nuancen. Geschickt versteht es Marita Kusch unsere subjektive Wahrnehmung zu stimulieren, ohne festlegend zu sein. Vor ihren Bildern werden wir daher zu immer neuen Entdeckungen angeregt.


Stefanie Schwarzbach

stefschwarzbach@web.de